Interview mit Helga Hesse, geb. Nölle – dienstältestes Mitglied des TuS Bothfeld 04
Wenn man Helga Hesse besucht, trifft man auf eine selbstbewusste und beeindruckende Dame mit einem riesigen Schatz an Erinnerungen – nicht nur an Ihre Familie und ihr Unternehmen, sondern an unser Vereinsleben, welches auch ihr Leben geprägt hat. Geboren am 23. August 1936, ist sie seit dem 1. Mai 1940 Mitglied im TuS Bothfeld 04 – und damit unser ältestes aktives Vereinsmitglied. Die Verbindung zum Verein ist keine zufällige: Bereits ihr Onkel Willi Nölle war von 1935 bis 1939 1. Vorsitzender des TuS, und es war selbstverständlich, dass alle Nichten und Neffen – wie sie augenzwinkernd erzählt – dem Verein beitreten mussten.
Ihren späteren Ehemann Friedrich Hesse lernte sie beim TuS kennen. Eine Begegnung, die nicht nur ihr Leben, sondern auch das Vereinsleben nachhaltig geprägt hat. Friedrich Hesse (1930–2012), seit dem 1. Mai 1946 Vereinsmitglied, engagierte sich jahrzehntelang als Sportwart, im Sportplatzausschuss und beim Bau des Vereinsheims im Sahlkamp.
Heute blicken wir mit Respekt und Dankbarkeit auf diese außergewöhnliche Vereinsgeschichte – und freuen uns auf das Gespräch.
Bitte erzählen Sie uns, wann und wie sind Sie zum TuS Bothfeld 04 gekommen?
Als vierjähriges Kind. Mein Onkel, Willi Nölle, war damals Vorsitzender des TuS Bothfeld 04 (1935–1939). Es war damals üblich, dass die Kinder aus der Familie auch in den Verein gingen. Wir haben dort Ballspiele gemacht – das war für uns Kinder natürlich ein großes Vergnügen. So bin ich also zum TuS gekommen. Das ist nun 85 Jahre her.
Wo befand sich der Sportplatz zu dieser Zeit?
Hinter dem Bothfelder Anger. Wenn man von der Kirche herunterging, lag auf der rechten Seite ein großes Tor – dort war der Eingang zum Sportplatz des TuS Bothfeld.
Welche Sportarten haben Sie damals gemacht?
Zuerst Ballspiele, später auch Übungen mit Medizinbällen und an Turngeräten. Später kam dann Leichtathletik dazu. Gelaufen sind wir damals auf der Ebelingstraße: Von der Schule oben bis hinunter zur Kirche – das war unsere Laufstrecke. Heute ist das kaum noch vorstellbar.
Wissen Sie noch, wie lange die Laufstrecke war?
Ganz genau weiß ich es nicht. Aber man könnte es nachmessen – von der Schule bis hinunter zum Eingang Sutelstraße. In der Sporthalle an der Ebelingstraße war später auch der TuS Bothfeld untergebracht. Dort fand das Geräteturnen statt. Wir saßen auf dem Barren, trugen weiße Turnhemden und schwarze Turnhosen.
Eine Zeit lang habe ich auch Handball gespielt. Meine Schwester war schon früher in einer Damenmannschaft aktiv, und später habe ich auch mitgemacht. Wir hatten eine schöne Zeit, aber nach zwei Jahren löste sich die Mannschaft wieder auf – warum, weiß ich nicht mehr.
Wer aus Ihrer Familie war auch beim TuS?
Mein Mann hat mit zwei Freunden – Günter Großkopf, der später auch Vorsitzender war (1972–1983), und Walter Wehrhahn – das kleine Clubhaus am Sahlkamp aufgebaut. Wir waren damals von der Wittekindstraße (heutige Hilligenwöhren), zum Sahlkamp umgezogen.
Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem TuS Bothfeld am Sahlkamp?
Da vorne, habe ich letzte Woche zu meinem Sohn gesagt, steht die Pappel – die hat dein Vater gepflanzt. 1954, bei der Einweihung des Clubheims, war ich dabei. Damals machte ich mein Pflichtjahr in Pyrmont, weil mein Vater wollte, dass wir Mädchen ein Jahr aus dem Haus gehen. Natürlich wollte ich zur Feier kommen. Also setzte ich mich in den Zug, um schnell nach Hannover zu kommen.
Haben Sie Ihren Mann über den TuS kennengelernt?
Ja, mein Mann war auch Bothfelder. Irgendwann waren wir zusammen auf einer Veranstaltung – und so sind wir dann ein Paar geworden. In diesem Jahr wären wir 65 Jahre verheiratet. Unsere Goldene Hochzeit konnten wir damals noch sehr schön begehen, sogar in der Kirche, mit Kindern, die Blumen streuten. Das war etwas ganz Besonderes.
Und so erinnere ich mich an den Polterabend, der in der Wohnung meiner Eltern statt. Da stand fast der halbe TuS in der Wohnung meiner Eltern. Esszimmer, Wohnzimmer, Büro, Küche – alles voll. Bei unserer Hochzeit standen die Handballer Spalier vor der Kirche, das war ein toller Moment.
Mein Mann und ich sind sechs Jahre auseinander. Viele aus der damaligen Runde waren älter – etwa Edgar Wichmann und andere. Ich war eher das „Küken“ dazwischen. Man sollte alle duzen, aber das war für mich ungewohnt. Damals hatte man Respekt vor den Älteren. Also habe ich gesagt: Ich sage lieber „Tante“ oder „Onkel“. Später hat sich das Du dann eingebürgert, aber dieser Respekt war mir wichtig.
Unser Sohn war noch ein Baby im Kinderwagen, als wir oft zum TuS gingen. Wir schoben den Kinderwagen dorthin, die anderen Familien brachten ihre Kleinen mit – so auch die Tochter von Walter Kipka waren im gleichen Alter. Die Babys standen hinten an der Musikbox, während wir feierten. Und nachts sind wir mit dem Kinderwagen durch die Kornfelder wieder nach Hause gegangen. Damals standen rechts und links vom Bothfelder Anger noch Kornfelder. Das waren wirklich schöne Zeiten.
Als unser Sohn etwas größer war, nahm mein Mann ihn sonntags im Kinderkarre mit zum Frühschoppen. Er regte sich immer auf, weil die anderen erst später zum Mittagessen gingen, während es bei uns Punkt zwölf Uhr auf den Tisch kam. Aber eigentlich war das die schönste Zeit in der TuS-Gemeinschaft.
Später änderte sich vieles, als wir die Firma übernahmen. Da blieb weniger Zeit, doch mein Mann engagierte sich weiterhin viele Jahre im Sportplatzausschuss. Ich erinnere mich noch: Der Platz musste mit neuem Mutterboden aufgefüllt werden. Mein Mann organisierte das, brachte mit zwei LKW den Boden her. Doch als er an einem Arbeitstag vor Ort stand, war niemand da – er allein mit all der Erde. Da hat er sich geärgert und gesagt: „Das war’s. Ich bringe das schon gratis her, und dann soll ich auch noch alleine schuften.“ Das war für ihn der Punkt, an dem er aufhörte.
Aber trotz allem – es war eine schöne Zeit. Wir haben viele schöne Stunden erlebt.
Das war immer noch am Sahlkamp?
Ja, immer noch am Sahlkamp. Es war ein schöner, großer Raum, dahinter die Küche und die Theke. Mittwochs war Vorstandssitzung, da hing so eine Lampe über dem Tresen.
Und Sie selbst haben als junge Frau noch Sport gemacht?
Nein, nicht mehr. Als wir die Firma 1970 übernahmen, war ich von da an in vielen Gremien des Verbandes tätig z.B. in der IHK, sogar beim Finanzgericht. Das hat mich lange Jahre beschäftigt.
Aber Vereinsmitglied sind Sie immer geblieben?
Ja, natürlich. Und mein Mann bekam später, zusammen mit Herrn Werhahn und Herrn Großkopf, die goldene Ehrennadel für den Sportplatzbau und das Clubheim. Als er vor 13 Jahren verstarb, war ich sehr bewegt, dass der TuS im Internet einen wunderbaren Nachruf für ihn veröffentlichte.
Gisela Fiene war noch vor mir Mitglied. Sie ist schon lange verstorben. Seitdem bin ich die Älteste in der Mitgliedschaft – vielleicht gibt es Ältere, aber nicht mit so langer Vereinszugehörigkeit.
Können Sie sich an Feste oder Traditionen im Verein erinnern, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben sind?
Oh ja, die Veranstaltungen bei Wiese. Dort wurde geturnt – die Männer in ihren weißen langen Hosen. Und dort fanden auch die Bälle statt, in Großbuchholz, im Saal „Zur Eiche“. Da feierten nicht nur wir, sondern auch andere Vereine, wie der Gesangsverein. In Bothfeld selbst gab es damals noch keinen Festsaal. Die Bälle waren geschlossen, also nur für Mitglieder – alle waren festlich gekleidet. Nachmittags fand das Schauturnen der Männer statt (u.a. Geräteturnen). Ob es jährlich war, weiß ich nicht mehr, aber regelmäßig auf jeden Fall. Wir gingen zu Fuß dorthin – Taxis waren damals selten. Auch der Männergesangsverein Concordia war dabei. das waren eindrucksvolle Erinnerungen.
Was war für Sie persönlich das Wertvollste aus Ihrer Vereinszeit
Vor allem die Veranstaltungen – Silvesterbälle im Clubheim, Sommerfeste auf dem Sportplatz. Ich war die Jüngste in der Runde, später kamen andere nach. Es war eine echte Gemeinschaft: Eltern waren da, Kinder natürlich auch. Die Milchflasche für die Kleinen wurde einfach mitgebracht und warmgemacht – so unkompliziert war das. Wenn ich daran denke, wie viele Stunden wir dort verbracht haben – das sind schöne Erinnerungen.
Und Ihr Mann hat ja sehr viel Arbeit investiert.
Ja, er hat viel für den TuS gemacht.
Nach dem Krieg bauten sie am Walde – in Wittekind, dort, wo der Weg zur Autobahn führt (heutige Hiligenwöhren) – mit den einfachsten Mitteln einen Platz auf. Man musste zusammenkratzen, was man irgendwo auftreiben konnte. Von dort ging es später weiter zum Sahlkamp.
Das Wichtigste aber war immer der Zusammenhalt. Das wünsche ich mir auch heute noch.
Es wäre traurig, wenn das verloren geht.
Wenn etwas auf dem Sportplatz los war, waren wir auch oft dort. Unser Sohn ebenfalls. Und bis heute höre ich vom Balkon aus jedes Wort, wenn unten auf dem Sportplatz ein Spiel läuft.
Ich erinnere mich noch gut: Auf der Ebelingstraße habe ich früher bei Wettkämpfen mitgemacht – Laufen, Springen. Ich habe viel Leichtathletik betrieben, sogar lieber als Geräteturnen. Urkunden hingen bei mir im Kinderzimmer über dem Bett. Irgendwann habe ich aufgehört, weil es mir keinen Spaß mehr machte, immer zu gewinnen – es fehlte einfach die Konkurrenz.
Was wünschen Sie sich für Zukunft des TuS Bothfeld 04 und für die jüngere Generation?
Ein einziges Wort: Zusammenhalt. Miteinander reden, keine Alleingänge. Das bringt mehr als alles andere – für den Verein und auch für die Gemeinschaft im Stadtteil.
Herzlichen Dank für Ihre Zeit und die wertvollen Erinnerungen – es war mir eine große Ehre, mit Ihnen sprechen zu dürfen.





